Nach zwei Tagen in der „peruanischen Zivilisation“ ging es endlich wieder los in die Berge, der Cordillera Blanca. Es sollte unsere längste Zeit ohne richtige Dusche werden. Aber das nimmt man doch gerne in Kauf, wenn man mit unvergesslichen Momenten entlohnt wird.
Der Tag begann für mich (Barbara) nicht sehr gut. Übelkeit und Unwohlsein machten sich nach dem Aufstehen breit. Bis zur Abfahrt ins Llanganuco Valley war jedoch genügend Zeit, so dass wir noch entsprechende Medikamente kaufen konnten. Mit etwas Verspätung wurden wir von Augusto und seinem Team am Hotel gegen 13.30 Uhr abgeholt. Vor uns lag eine dreistündige Fahrt. Anfangs über Asphalt und später über Schotter. Nach zweidrittel der Strecke passierten wir den Eingang des Huascaran National Park, der eine Fläche von 340.000 Hektar hat. Schnell war die Eintrittsgebühr bezahlt und wir konnten die Fahrt fortsetzen. Mir ging es weiterhin schlecht, trotz der Medizin und auch Katharina fühlte sich unwohl, was aber evtl. auch an den zu viel gegessenen „Cookies“ gelegen hat. Für mich stellte sich die Frage, ob es am Abendessen vom Vortag gelegen hat? Es war aus meiner Sicht nichts Ungewöhnliches: Steak (medium rare) mit etwas Gemüse und Reis… Katharina hatte sich an „Guinea Pig“ herangetraut, wovon ich etwas gekostet hatte. Der Auslöser bleibt bis heute ein Rätsel.
Wir wären eine halbe Stunde früher an der Cebollapampa, unser Zeltplatz, angekommen, wenn nicht hundert Meter vor dem Ziel ein ein Meter breiter Graben gewesen wäre. So vollbeladen wie der Kleinbus mit den Insassen war, klappte das nicht. Unsere Begleiter besserten den Graben mit Steinen aus. Wir stiegen aus und der Bus wagte die Weiterfahrt. Jedoch war unser Gefährt immer noch zu schwer, so dass wir das ganze Gepäck abluden um es später wieder einzuladen. Keine fünf Minuten später erreichten wir den Zeltplatz. Mit Erschrecken mussten wir feststellen, dass ein Gepäckstück mit Ausrüstung vom Bergführer, während der Fahrt abhanden gekommen war! Die Suchaktion blieb leider ergebnislos.
Nach einer guten Nacht, wurden wir morgens von der Sonne geweckt. Ich fühlte mich weitaus besser als am Vortag. Das Gefühl des Unwohlseins ist bedauerlicherweise auf Katharina übergesprungen und ließ ihr bis zum Abend keine Ruhe. Vor uns lag glücklicherweise nur eine Wanderung von zwei bis drei Stunden. Bildete ich am Anfang immer das Schlusslicht, so war an diesem Tag die Gelegenheit da, wo ich vorweg gehen konnte.
Gut gelaunt erreichte ich nach zwei Stunden das auf 4.500 Meter gelegene Basecamp. Kat und Peter trudelten nur wenige Minuten später ein. Nach einem leichten Mittagessen begaben wir uns in Zelt zur Ruhe. Nur noch zum Abendessen verließen wir unsere warmen Schlafsäcke.
Gegen 1 Uhr in der Früh wurden wir vom Bergführer geweckt. Vor uns lag ein langer Tag. Der diesjährige Urlaub wurde größtenteils von Unwohlsein geprägt, so auch dieser Morgen. Mir war nicht nach einem Frühstück, da ich mich aller Wahrscheinlichkeit an der nächsten Ecke wieder entledigt hätte. Kat hingegen nahm eine Kleinigkeit zu sich. Die Überlegung den Gipfelsturm zu verschieben, war schnell verworfen. Schließlich waren unsere zwei Porter mit dabei und so ein Umkehren jederzeit möglich. Pünktlich zum angepeilten Abmarsch um 2 Uhr sind wir im Schein der Taschenlampe losgekommen. Der Weg führte über eine Moräne und größere Gesteinsbrocken. Unliebsames Gehgelände für Peter. Am Gletscherrand angekommen zogen wir unsere Steigeisen und Klettergurte an. Jedoch gab es keine Seilschaft. Jeder konnte für sich und vor allem sein Tempo gehen. Unser beider Gefühl hatte sich während der Zeit nicht gebessert, aber ich wollte auch nicht umdrehen. Wir waren ja schon so weit gekommen und dann wieder umdrehen, das passt nicht zu meiner (unserer) Persönlichkeit.
Ich weiß nicht warum, aber an diesem Tag lief ich zur Hochform auf. Ich haftete mich quasi an die Fersen des Bergführers. Kat und Peter folgten in einem gewissen Abstand, der sich aber zwischenzeitlich verringerte, wenn ich eine „Verschnaufpause“ einlegte. Schließlich war der Weg abschnittsweise sehr steil: bis zu 70 Prozent. Kurz vor dem Gipfel mussten wir eine Zwangspause einlegen, da am letzten Teilabschnitt die ersten Gipfelstürmer schon wieder herunterkamen und man nicht zweispurig gehen konnte. Etwa um halb zehn standen wir nach siebeneinhalb Stunden Aufstieg auf dem Pisco (5.750m) bei herrlichstem Sonnenschein und Ausblick. Da hatte sich die Hartnäckigkeit wieder gelohnt.
Bevor wir den Abstieg fortsetzten gönnten wir uns eine Pause, um Energie zu tanken und Erinnerungsfotos zu schießen. Danach ging es innerhalb von drei Stunden – diesmal am Seil – zurück zum Gletscherrand. Wie auch beim Ishinca waren wir nach insgesamt 12 Stunden wieder am Basecamp. Für Peter war es ein anstrengender Tag, der noch nicht zu ende war. Denn knapp zwei Stunden später traten wir noch den Abstieg zu „Cebollapampa“ Zeltplatz an, wo wir (Kat und ich) ein Stunde nach Aufbruch ankamen. Dies war auch unser Tagesrekord an Höhenmetern für den diesjährigen Urlaub: 2.500m.
Der nächste Tag war ein wirklicher Ruhetag an dem wir nichts Weiteres unternommen haben, außer Klamotten und Ausrüstung trocknen, Lesen, Haare waschen, Essen und Schlafen. Unsere Porter hingegen machten sich am Morgen auf, um schon einige Utensilien zum nächsten Hochlager (Moränen-Camp) zu bringen.
Die ursprünglichen 1.000 Höhenmeter am folgenden Tag kürzten sich dank einer kleinen Busfahrt auf 800 Höhenmeter. Allen drei ging es gut und wir freuten uns auf den letzen Gipfel, den Chopicalqui (6.354m). Mit dem nötigsten Gepäck machten wir uns mit dem Bergführer und den Trägern auf den Weg. Ein Viehtransport gab es hier nicht, da das Ziel auf unbegehbarem Gelände für Vierbeiner bzw. -hufler lag. Unser einziger Stopp war an der Gletscherzunge in Juans kleinem „Imbiss“ unter freiem Himmel. Nach der Stärkung setzen wir unseren Aufstieg fort und erreichten am frühen Nachmittag das Moränen-Camp auf 5.000 Metern. Einen Tee am Nachmittag mit einigen Keksen haben wir gerne genommen. Die letzten Sonnenstrahlen sogen wir auf wie ein Schwamm. Kalt war uns eigentlich nicht. Dafür hat man die richtigen Jacken und Klamotten bzw. Schlafsäcke. Nach dem Abendessen fühlte ich mich so voll, aber ein so leckeres Essen auf dieser Höhe lässt man nur ungerne zurück gehen. Es war die erste Nacht zu Dritt im Zelt, die ich erstaunlicherweise sehr angenehm empfand. Bis auf das Echo das jedes Mal ertönte, wenn irgendwo ein Stück Gletscher abbrach oder sonstiges Gestein in der „Nebenrinne“ abging. Bei meinem leichten Schlaf entging mir keins der Geräusche. Meine bevorzugte Art an „Ohrstöpsel“ hatte ich vergessen mitzunehmen. Daher hatte ich auch nur eine Nacht in den Bergen, wo ich richtig gut geschlafen habe. Nun gut fürs nächste Mal weiß ich Bescheid.
Da wir keine Eile am nächsten Tag hatten, konnten wir auch ausschlafen. Wenn man aber bereits um 19 Uhr ins „Bett“ geht, dann halte ich es aber auch nicht so lange aus im „Bett“! Um 9 Uhr hielt uns nichts mehr im Schlafsack. Nach einem – für die Verhältnisse – reichhaltigen Frühstück packten wir erneut unsere sieben Sachen und stiegen zum Hochlager II auf. Die Wolken am Himmel verhießen nichts Gutes. Unsere drei „Bergziegen“ waren trotz des schweren Gepäcks sehr bald außer Sichtweite. Dafür konnten wir bei unserem Ankommen direkt das Zelt einrichten und pausieren.
Der Abend war schnell gekommen und es war Zeit wieder an Essen zu denken. Es gab Pasta! Wir freuten uns sehr.
Bis zu dem Tag hatten wir nämlich keine Mahlzeit gehabt, wo es nur Pasta mit Tomatensauce gab. Wir ließen es uns doppelt schmecken.
Augusto weckte uns um kurz nach 0 Uhr und teilte uns mit, dass wir unseren Aufbruch zum Gipfel um eine Stunde nach hinten verschieben. Es hatte am Abend Neuschnee gegeben. Den Sternenhimmel konnten wir nicht sehen, was ein schlechtes Zeichen war. Bei Neuschnee wird die Route verdeckt und es macht es schwieriger bis unmöglich die Spur in der Nacht im Licht der Stirnlampe zu sehen. Erschwert dadurch, wenn noch Nebel hinzu kommt. Die am späteren Abend noch eingetroffenen Gruppen, zwei an der Zahl, warteten ebenfalls und verließen fast zeitgleich mit uns um 2.20 Uhr das Lager. Es ging sehr langsam voran. Der Weg war abschnittsweise wieder sehr steil. Und auch der Wind blies ordentlich, was nach einer Weile meine Hände kalt werden ließ. Ich hatte leider den optimalen Punkt verpasst, meine guten Mammut Handschuhe anzuziehen. Aufgrund des Tempos bin ich auch nicht ganz auf „Betriebstemperatur“ gekommen. Als es endlich hell wurde standen wir am Abgrund! Die Bewölkung hatte mit der Höhe nicht abgenommen. Augusto war eine Steilwand von 20 Metern vorgeklettert und wartete schließlich. Wir wunderten uns warum er nicht weiterging. Als ich nachgestiegen war, wusste ich warum. Hinter ihm ging es senkrecht in eine Spalte runter. Der vermeintliche Weg führte auf schmalen Pfad an dieser vorbei. Wir durften alle bis zu diesem Punkt hochklettern, was das Highlight dieses Tages war. Danach entschied Augusto, dass wir wieder umdrehen. Sicherheit geht in den Bergen vor und bei seiner Erfahrung, als langjähriger Bergführer, kann man ihm da voll Vertrauen, das er die Situation richtig einschätzt. Zwar haben die anderen Seilschaften teilweise ihren Weg fortgesetzt, sind aber nicht bis zum Gipfel gekommen, wie wir später erfuhren. Abgesehen davon das wir auf dem falschen Weg waren, hätten wir den Gipfel wohl erst am Nachmittag erklommen, wenn alles gut gegangen wäre. Den Abzweig des Normalwegs hatten wir bzw. Augusto nicht gesehen. So hätten wir erst ein gutes Stück absteigen müssen um auf den Normalweg zu kommen.
So waren wir gegen 8.30 Uhr wieder am Zelt und warteten erst einmal bis zum Mittag ab, wie sich das Wetter weiterentwickelte, um eine Entscheidung zutreffen, ob es Sinn macht einen zweiten Versuch zu starten. Nach einer Abwägung der Vor- und Nachteile sind wir dann zum Entschluss gekommen, den Rückweg anzutreten. Schweren Herzens packten wir nach einem Mittagessen unsere Sachen. Ich war sehr enttäuscht, dass es dieses Jahr keinen 6.000er gab. Kat und Peter ging es sicherlich genauso. Wir waren nur knapp 100 Höhenmeter drunter gewesen.
Am frühen Nachmittag bauten wir unsere Zelte erneut auf der Moräne auf. Augusto und Alejandro stiegen ganz ab, um den Rücktransport nach Huaraz zu organisieren. Es war ein Tag früher als geplant. Ein letzter Tee mit Galletas und Käse oder Wurst waren uns sicher. Der letzte Abend in den peruanischen Bergen war viel schneller gekommen als gedacht. Die Pasta zum Abendessen machte die Enttäuschung etwas Wett. Kat orderte auch direkt eine größere Portion, zwangsweise. „Wie du mir so ich dir!“
Unseren Abstieg planten wir für 10 Uhr und was dieses Jahr sehr gut funktionierte, war die Pünktlichkeit zur verabredeten Zeit, sowohl seitens des Orga-Teams als auch von uns! Was sonst in den südlichen Ländern ja nicht immer so ist. Nach guten zwei Stunden Fußmarsch waren wir wieder am Ausgangspunkt, wo uns der Busfahrer drei Tage zuvor abgesetzt hatte. Abgeholten wurden wir diesmal – nach einer Stunde Warten (Das lag daran, weil wir einen eher zurück waren als geplant und Augusto diesen Transport erst organisieren musste.) – von einem Taxi, das uns zum Cebollapampa Platz brachte. Dort wurden wir bereits von Augusto und Ilda erwartet, die schon alle Sachen gepackt hatten, damit diese nur noch verladen werden mussten. Knappe drei Stunden später erreichten wir Huaraz und bezogen unsere Hotelzimmer.
Das große Abschluss-Dinner mit Augusto und Ilda fand im gleichen Restaurant wie unser Welcome-Dinner statt: Creperie Patrick. Wir ließen die vergangen Tage in den peruanischen Anden Revue passieren und schmiedeten bereits Pläne für die nächsten Touren… Ach, es gibt ja noch sooooo viele schöne und herausfordernde Berge, die noch erklommen werden wollen!
Peters und meine Rückreise nach Deutschland begannen zwei Tage vor dem Ankunftstag. Kat legte noch eine Zwischenstoppswoche in Macchu Piccu ein, bevor sie eine Woche später wieder zurück nach Australien flog. Unsere letzte gemeinsame Fahrt war die von Huaraz nach Lima über Nacht. Im Morgengrauen lief unser Bus in Lima ein. Ein Taxi brachte uns ins Hotel, wo Kat eine Nacht vor ihrem Weiterflug nach Cusco übernachtet hat. Nach einem leckeren Frühstück hatten wir noch genügend Zeit, da unser Flug erst abends ging. Ein letztes Shopping und Eis essen am Larcomar – mit Sonne, was um diese Jahreszeit eher selten ist. Leider ging es mir mal wieder nicht gut, woran das nun lag weiß ich nicht. Evtl. die Umstellung der Höhe von 3.000 auf fast 0.
Der Rückflug verlief reibungslos. Außer die Dauer des Check-Ins in Lima, die zwei Stunden und mind. 10 Passkontrollen gekostet hat! Dafür sind alle Gepäckstücke wohlbehalten in Düsseldorf eingetroffen, wo wir von Yossy und Juanito empfangen wurden.
Es war für mich einer der besten Bergeurlaub, die wir zusammen verbracht haben. Allein vom Schwierigkeitsgrad waren die Berge Hammer! Und eine körperliche Erfahrung, die mich beinahe an meine Grenzen gebracht hat. Danke an alle Beteiligten, die die drei Wochen für mich zu so einem genialen Urlaub gemacht haben! Ich freu mich schon jetzt auf eine Wiederholung.